Notfallseelsorge als psycho-soziale Nothilfe

Ralph Kunz<div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>cns-cas.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>2</div><div class='bid' style='display:none;'>95</div><div class='usr' style='display:none;'>3</div>

Ralph Kunz

Im Rahmen des 4. Nationalen Kongresses für Psychologische Nothilfe und Notfallseelsorge am 19./20. Aug. 2010 an der Universität Bern hielt Prof. Dr. Ralph Kunz, Professor für Praktische Theologie an der Universität Zürich, ein Referat zum Thema: „Die Rolle des Notfallseelsorgers in der psychosozialen Nothilfe“. Die grundlegende Bedeutung und Wichtigkeit der Aussagen finden nach wie vor Beachtung.
Beat Weber,
Das Referat von » Prof. Kunz wurde in den NFS News 12.02 in deutscher und französischer Sprache veröffentlicht. Eine Auswahl von Aussagen ist nachfolgend wiedergegeben (Redaktion: B. Weber). Das veröffentlichte Referat insgesamt findet sich unten in den Anhängen (pdfs).

Wenn die Rolle der Notfallseelsorger in der psychosozialen Nothilfe als Atelierthema erscheint, herrscht offensichtlich nicht volle Klarheit darüber, was der Akteur Seelsorger in der Szene des Notfalls eigentlich zu suchen hat. Oder – böse Vermutung – ob es eine Rolle spielt, wenn sie fehlen. Denn über etwas, das selbstverständlich ist, muss man ja nicht reden. Sie wissen: Es gibt eine Diskussion. Aber sie dreht sich – ganz kurz zusammengefasst – nicht darum, dass, sondern was und wie der Seelsorger im Notfall agiert. Zur Debatte steht, wie, wo und wann die Seelsorge in der Nothilfe in Erscheinung treten soll und was sie dabei leistet, was andere nicht leisten können.

Seelsorge gehörte in der vormodernen Zeit einerseits zum Gesamtpaket einer Hilfe an Leib und Leben. Medizin, Psychologie, Pflege und geistliche Betreuung waren noch beisammen – vielfach vereint in einer Person, die diese Funktionen miteinander oder nacheinander ausübten. Modernisierung heisst aber funktionale Differenzierung, heisst Spezialisierung, heisst Professionalisierung. Nothilfe bleibt zwar ein Gesamtpaket. Aber es hängt vom multiprofessionellen Zusammenspiel ab, ob der ganze Mensch in den Blick kommt. Wenn man auf diesem Hintergrund nach der Rolle einer der beteiligten Professionen fragt, rückt das Proprium in den Vordergrund. Weder der Notfallarzt noch der Notfallpsychologe haben den Auftrag, einem Sterbenden die Beichte abzunehmen oder einen Segen zu sprechen. Mit Blick auf die Seelsorge liegt es nahe, sie primär als religiöses Handeln zu qualifizieren. Es ist nicht so, dass diese Handlungen prima vista eine besondere Kompetenz im Sinne einer Befähigung verlangen. Die Frage ist, ob Kompetenz im Sinn einer Vollmacht oder – theologisch weniger geladen – einer Befugnis gegeben ist. In der Rollenlogik der Pastoraltheologie ist dafür das Wort „Amt“ reserviert. Der Seelsorger darf eine religiöse Handlung anbieten. Mit dem Hinweis auf das Religiöse ist ohne Zweifel eine Fährte gewählt, auf der eine gewisse Klärung zum Rollenset des Notfallseelsorgers zu erwarten ist. Aber ich sehe auch Verengungen und Sackgassen. Ich sag’s mal mit der Theatermetapher:
- Seelsorge tritt nicht erst beim Stichwort Religion in die Szene. Sie ist im Team von Anfang mit dabei.
- Seelsorge besteht aus mehr als nur explizit religiösen Akten.
- Religion ist nicht einfach ein Mittel, das eingesetzt wird oder ein Text, den der Spezialist aufsagt und anwendet.
Mit anderen Worten: Der Seelsorger bringt nicht „sein religiöses Köfferchen“ auf den Schadensplatz. Er hat auch keinen Taschengott. Die Religion ist schon da.

Religion und Religiöses muss unterschieden werden. Unter Religionszugehörigkeit verstehen wir
eine Mitgliedschaft oder Herkunft, während Religiosität eine individuelle Einstellung meint. Fakt ist: Rund 70% der Bevölkerung sind Mitglieder einer der beiden Grosskirchen. Wir leben also weder in eine postchristlichen noch säkularen Gesellschaft. Andererseits gibt es in unserer Kultur den Megatrend. Das „Religiöse“ wird ins Weltanschauliche und Private abgedrängt. Kompliziert ist das Ganze, weil es verschiedene Kombinationen, Färbungen und Intensitäten religiöser Einstellungen und Verhaltensweisen gibt. Fragen der Religion und Religiosität lassen sich nicht auf Mitgliedschaft reduzieren. Probleme oder Konflikte rund um die Rolle der Notfallseelsorge haben auch damit zu tun, dass sich die Religion der Helfer und der Hilfsempfänger nicht decken. Kann kirchliche Seelsorge Menschen, die einer anderen Kirche angehören, zu gar keiner Institution oder zu einer anderen Religionsgemeinschaft gehören, religiöse (Erst-)Hilfe leisten? Die Antwort lautet klar und eindeutig: Ja. Das wird so praktiziert – in der Armee, in Spitälern, Heimen und Gefängnissen –, und es ist breit akzeptiert.

Tatsächlich hat Religion einen institutionellen und einen universalen Pol. In der grossen repräsentativen Studie „Zwei Gesichter der Religion“ ist von diesen zwei Polen die Rede, deren Unterscheidung für unsere Diskussion erhellend ist (vgl. Tabelle in Referatsfassung). Der Sinn einer religionssoziologischen Aufklärung ist es, zu zeigen, dass die Rolle des Notfallseelsorgers gesellschaftlich akzeptiert ist – auch von Menschen, die mit der Kirche nichts am Hut haben. Wer mit der Keule der „Wertneutralität“ und dem Recht auf Meinungsfreiheit gegen die Präsenz der christlichen oder kirchlichen Seelsorge auf dem Schadenplatz reagiert, vertritt eine Minderheitenposition. Ich finde das wichtig. Die Akzeptanz eines Akteurs ist im öffentlichen Raum relevant. Anders gesagt: Wer von der Rolle des Notfallseelsorgers, der Notfallseelsorgerin spricht, muss auch von der Rolle sprechen, die die Kirche in der Zivilgesellschaft (noch) innehat.

Ich fasse zusammen: Die diakonisch ausgerichtete kirchliche Seelsorge im Notfall basiert auf einer historisch und kulturell breit abgestützten Akzeptanz. Der Rahmen der Rollendiskussion vor. Sie beruft sich auf den Auftrag der öffentlich-rechtlich organisierten Kirche. Gleichwohl muss die Notfallseelsorge im multiprofessionellen Setting der Nothilfe ihr Proprium, ihren eigenen Beitrag begründen. Dabei sind wir auf das Problem gestossen: Seelsorger/innen sind religiöse Spezialisten. Aber was „religiös“ beinhaltet, ist deutungsoffen und interpretationsbedürftig. Ob überhaupt und in welcher Weise religiöse Handlungen vor Ort gefragt sind, ist eine seelsorgliche Entscheidung, die von Fall zu Fall zu treffen ist. Vom Problem nun zum Profil. Die Notfallseelsorge selbst gibt sich, begründet, reflektiert und kommuniziert so ihr Selbstverständnis. Ich präsentiere ihnen ein Profil. Es ist das Ergebnis einer Diskussion in der Arbeitsgemeinschaft Notfallseelsorge Schweiz.

I. Leitlinien:
• 1. Die Notfallseelsorge gehört zum Kernauftrag der Kirche.
• 2. Die Kirchen der Arbeitsgemeinschaft der christlichen Kirchen der Schweiz halten ihre Seelsorgenden deshalb an, sich für den Dienst in der psychischen Nothilfe zur Verfügung zu stellen.
• 3. Die Notfallseelsorge begleitet Menschen in ihrer Not unabhängig ihrer kulturell-religiösen Herkunft.
• 4. Notfallseelsorge ist unverzichtbarer Teil einer multidisziplinären Nothilfe, insofern sie die psychosoziale Nothilfe durch Wahrnehmung ihrer spirituellen Dimension ergänzt.
• 5. Notfallseelsorge ist (im schweizerischen Kontext) geprägt vom biblischen Gottesbild und der daraus resultierenden Kultur im Umgang mit Trauer, Abschied und Schuld.

II. Grundlagen des Handelns:
• 1. Die Notfallseelsorgenden sind dazu ausgebildet, Menschen in lebensbedrohlichen Krisen professionell zu begegnen.
• 2. Notfallseelsorge handelt aufgrund derselben methodischen Grundlagen wie psychologische Nothilfe.
• 3. Darüber hinaus haben die Notfallseelsorgenden (je nach Situation) die Möglichkeit, auf vorhandene soziale Netze und Strukturen zurückzugreifen oder auf solche hinzuweisen.
• 4. Die Notfallseelsorgenden bringen ihre Deutungskompetenz ein, um die Betroffenen bei der Bewältigung der Notsituationen zu unterstützen.
• 5. Die Notfallseelsorgenden sind befähigt, die kulturellen Ressourcen der Betroffenen zu aktivieren.
• 6. Die Notfallseelsorgenden sind darin erfahren, in Grenzsituationen symbolisch und rituell zu kommunizieren.

Wir freuen uns auf den ersten Beitrag.
Bereitgestellt: 26.03.2018     
aktualisiert mit kirchenweb.ch