Freitod: Soll die Kirche beim assistierten Suizid „seelsorglich assistieren“?

Bildschirmfoto 2018-09-25 um 06.43.25<div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>cns-cas.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>2</div><div class='bid' style='display:none;'>232</div><div class='usr' style='display:none;'>3</div>

Bisher hat die Kirche AKTIVE Sterbehilfe abgelehnt und entsprechend Suizidwillige bei der Einnahme des Giftbechers selbst nicht „begleitet“. Nun geht eine Verlautbarung neue Wege beschritten und entsprechenden Nachhall in den Medien gefunden. Dabei sind es nicht „die Kirche(n)“, sondern (vorerst) eine, allerdings die grösste unter den protestantischen Kirchen der Schweiz, die Evangelisch-reformierten Kirchen BE-JU-SO.
Beat Weber,
Verlautbarung, Berichterstattungen und Reaktionen:
• Verlautbarung Kirchenleitung (Synodalrat) der Evangelisch-refomierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn (refBEJUSO, 7.6.18): Solidarität bis zum Ende ( => angehängtes pdf).
• Der Freitod und die Kirche: » Bernische Reformierte erklären ihren Umgang mit Exit (DRS Regionaljournal BE-FR-VS, 17.9.18),
• Kritische Stellungnahme von Pfr. Dr. Paul Bernhard Rothen zur Berichterstattung SRF (Echo der Zeit) sowie den Inhalt der kirchlichen Verlautbarung (19.9.18, => angehängtes pdf).
• Bericht und Interview mit Pfr. Prof. Dr. Matthias Zeindler auf Radio DRS 1 (Echo der Zeit, 17.9.18): » Seelische Begleitung auch bei Suizid.
• Interview mit Pfr. Pascal Mösli im DRS Regionaljournal BE-FR-VS (23.9.18): » Pascal Mösli, wie geht gutes Sterben?.
• Zeitähnlich erschienen: » Exit sucht neue Sterbehelfer – Bischofskonferenz kritisiert die „Banalisierung“ des assistierten Suizids (Sonntagszeitung/Tagesanzeiger, 23.9.18).

Zur Freitod-Problematik und der kirchlichen Stellungsnahme:
Diskussionen und Handlungsweisen rund um „Rechte“ und Möglichkeiten, ungewolltes, leidendes, gebrechliches, versehrtes Leben, namentlich an den „Ränder“ (Schwangerschaft, Alter), beenden zu können, sind in unserer Gesellschaft seit einiger Zeit im Gange und haben sich in jüngerer Zeit noch verschärft. Das gilt insbesondere für den Freitod, und darauf reagiert das kirchliche Positionspapier im ersten Satz: „Der assistierte Suizid hat auch die kirchliche Praxis erreicht.“ Gegenüber dem in jüngerer Zeit häufig thematisierten „Ende der Solidarität“ (z.B. im Blick auf den „Generationenvertrag“ in der Altersvorsorge) spricht das kirchliche Positionspapier von der „Solidarität bis zum Ende“ und fragt: Hört die Begleitung von sterbewilligen Menschen vor der Türe des Sterbezimmers auf? Oder muss gerade dieser schwierige Weg bis zum Sterben mitgegangen werden?
Die Antwort der Kirchenleitung von refBEJUSO lautet: „Für die Seelsorge gilt das Prinzip der bedingungslosen Solidarität. Es geht bei ihr um die orientierende und unterstützende Begleitung von Menschen, selbst dann, wenn man als Pfarrerin oder Pfarrer mit der von ihnen gefällten Entscheidung nicht einverstanden ist. Auch die Tätigkeit einer Sterbehilfeorganisation wird durch die Begleitung durch Seelsorgerinnen und Seelsorge nicht kirchlich sanktioniert. Der Synodalrat ist aus diesen Gründen der Auffassung, dass kirchliche Seelsorge auch im Falle eines assistierten Suizids bis zum Sterben reicht. Pfarrerinnen und Pfarrer sollen Menschen, die sie begleiten, auch im schwierigsten Moment, dem Akt der Selbsttötung, Beistand leisten, wenn diese es wünschen. Ohne Beistand sollen auch ihre Angehörigen in dieser Situation nicht bleiben.“

Kurze Stellungnahme von Pfr. Dr. Beat Weber (Geschäftsführers von „Care Teams | Notfallseelsorge Schweiz“ [CNS, 25.9.18]):
Das Bemühen des Positionspapiers von refBEJUSO um behutsames Vorgehen ist erkennbar. Es handelt sich dabei um diejenige Kirche, zu der nicht nur die genannten Kollegen Zeindler, Mösli und Rothen, sondern auch ich gehör(t)e. Eine Grenz|überschreitung wird nahegelegt: Von draussen vor der Tür ins Sterbezimmer neben den Sterbewilligen, der seinen Tod mit dem Trinken des Giftbechers besiegelt. Die Stossrichtung lautet: Den Menschen auch und bis (ganz) zum Ende nahe sein. Dass damit auch eine andere Grenz|überschreitung vollzogen wird, ist deutlich, obwohl das Papier bemüht ist, dies zu vermeiden: Die aktive Sterbehilfe wird – vielleicht zunächst contre coeur, dann bald auch par coeur – geduldet und anerkannt. Mit kirchlichem Beistand und Segen kann und darf man sich – im Grenzfall – das Leben nehmen.
Ein solches Vorgehen werden viele als (schon lange) nötige Anpassung an die Gepflogenheit der Zeit und als mitfühlende Öffnung für Menschen, die selbstbestimmt diesen Weg gehen wollen, sehen. In der Kirche gilt nun aber nicht, was diese oder jener, sondern was Gottes Wort sagt. Pfarrersleute sind in ihrem Reden und Handeln auf die Heilige Schrift verpflichtet (ordiniert) und erst nachrangig auf kirchliche Verlautbarungen. Die dem assistierten Freitod zugrunde liegende Selbstbestimmung des Menschen als Leitmaxime der Moderne steht biblisch-christlich keineswegs im Vordergrund: Die Zehn Gebote sprechen nicht davon, und auch im Doppelgebot der Liebe bringt man sie nicht unter. Autonomie (von Gott) wird nicht als Lösungsweg, sondern als Grundproblem mit Folgen angesehen, wie ein Blick in die Sündenfallgeschichte (1. Mose 3) zeigt. Um diese Problematik weiss auch das Positionspapier, das wenig biblische Verankerung bietet. Es ergänzt (nicht kritisiert) die Selbstbestimmung mit Verantwortung, Solidarität und Menschenwürde. Doch wenn der Mensch gottebenbildlich und seine Würde des Menschen unantastbar ist, dann gilt das auch vor/bei sich selber angesichts des lebendigen Gottes. Nun hat sich in neuer Zeit in Verbindung mit der Selbstbestimmung eine Neudefinition von Menschenwürde angebahnt (welche das kirchliche Papier nicht teilt): Menschenwürde ist nicht Gott-gegeben, sondern ich oder die Gesellschaft im Diskurs bestimmen, was Menschenwürde, was „lebenswert“ ist. Nicht-selbstbestimmtes Leben, Leiden, dementes, behindertes Leben werden als lebensunwürdig ausgegrenzt (ökonomische Faktoren kommen immer öfters noch hinzu). Tatsächlich ist das Leben manchmal herausfordernd, hart und unverständlich – ich weiss davon nicht nur als Pfarrer und Notfallseelsorger, sondern auch als Vater einer schwer behinderten Tochter. Aber die Selbstbestimmung über eigenes und anderes Leben entspricht wie die generelle Leidvermeidung nicht einem blblisch begründeten Handeln der Kirche, zumal das Leiden und Sterben Christi Heil und Leben allen Glaubenden bringt.
Wenn die Kirche im Namen des lebendigen Gottes die nicht mehr lebenswilligen segnet, dann läuft es darauf hinaus, dass sie auch ihr Verhalten absegnet. Das Kirchenpapier gewährt den Pfarrersleuten einen Gewissensspielraum: Sie können davon dispensiert werden. Es müsste umgekehrt sein: Grundsätzlich begleiten die Pfarrersleute die Menschen in diesem Fall gut begründet nicht bis zum Ende; in besonderen Umständen und im Einzelfall kann die Pfarrperson auch noch diesen letzten Schritt mitgehen.
Die Position von refBEJUSO ist abzulehnen. Meine Stellungnahme mag weder „(kirchen)politisch korrekt“ sein noch von einer Mehrheit unserer säkularen Gesellschaft geteilt werden. Sie will aber befragbar von biblisch-christlichen Verständnis her sein.
28.09.2018 19.54 Joachim Finger
Wenn ich als Seelsorger zu einem sterbenden Menschen gerufen werde, dann werde ich ihm beistehen. Ich werde ihm weder sein starkes Rauchen als Mitschuld an seinem Sterben vorhalten noch seine unvorsichtige Fahrweise noch seine Liebe zu Alkohol oder seine Arbeit mit Asbest oder was immer sein Sterben herbeigeführt haben mag. Ich werde ihm seinen Wunsch zu sterben nicht vorhalten. Ich werde ihm seinen bewussten Verzicht auf Nahrung in den letzten Tagen oder Wochen nicht vorhalten. Und ich werde ihm nicht vorhalten, welche Medikamente er zu sich nahm oder nimmt.
Ich werde da sein, auf Wunsch mit ihm beten, ihn segnen und Gott bitten, seiner Seele gnädig zu sein.
Und ich werde für die Angehörigen da sein. Amen.
Bereitgestellt: 25.09.2018     Besuche: 52 Monat 
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